Nicht die Box ist das Problem – sondern wie wir mit ihr umgehen

„Think outside the box.“

Ein Satz, der in Innovations-Workshops oft wie eine Rakete gezündet wird. Und dann in der Schwerkraft des Alltags verpufft. Ich habe ihn oft gehört, oft auch selbst gesagt. Aber manchmal frage ich mich: Wollen wir wirklich raus aus der Box? Oder wollen wir sie einfach nur neu tapezieren?

Ein kürzlicher Austausch mit Jonas Österle auf LinkedIn hat mich dazu angestossen, weiterzudenken. Es ging um Boxen, Komfortzonen, ums Denken und Lernen – und um die Frage, was uns eigentlich bewegt, wenn wir von Innovation sprechen.

Er hatte mir danach einen seiner Blogtexte geschickt – und ich habe ihm eine Rückmeldung dazu versprochen. Statt einer Direktnachricht teile ich meine Gedanken nun hier, öffentlich, in Form eines persönlichen Blogbeitrags. Weil sie anschlussfähig sind. Weil das Thema viele beschäftigt. Und weil sich Gedanken dann am besten entfalten, wenn sie geteilt werden.

Lernen als Lebensform

Ich lerne immer. Nicht, weil ich muss – sondern weil ich nicht anders kann. Ich lerne, wenn ich beobachte. Ich lerne, wenn ich blogge. Ich lerne sogar im Traum – manchmal habe ich das Glück, in Klarträumen bewusst Dinge auszuprobieren. Ich lerne mit und von jedem Menschen, dem ich begegne.

Für mich ist Lernen kein Prozess mit Anfang und Ende. Es ist kein Ort mit Pausenglocke. Es ist ein Weg. Eine Bewegung. Eine Spirale, die mich mit jedem Schritt näher zu dem bringt, was ich vielleicht einmal sein werde. Oder längst schon bin.¹

Boxen, die tragen

Es gibt Boxen, die beengen. Und es gibt Boxen, die tragen – weil sie aus Menschen bestehen.

Ich mag solche Boxen: Gemeinschaften, in denen ich ich sein kann. Räume, die nicht nach Status, Rolle oder Berufsbezeichnung fragen. Sondern nach dem, was Menschen bewegt.

Im Urbanen Dorf Webergut, wo ich mit anderen Gestalter:innen unterwegs bin, entstehen solche Räume gerade ganz konkret. Noch ist nicht alles sichtbar. Aber spürbar.

Wir experimentieren. Wir verwerfen. Wir denken neu. Und wir fragen oft: „Was wäre, wenn…?“ Das Nicht-wissen-obs-so-klappt fühlt sich nicht unsicher an. Sondern frei. Es weckt Neugier, Lern- und Gestaltungsfreude. Vorfreude auf das, was sein könnte – und das, was sein wird.

In fremden Boxen lernen

Als ich studiert habe, war ich – wie viele – „eine von vielen“. Aber ich habe damals schon angefangen, meine eigenen Wege zu gehen. Ich habe geschrieben, recherchiert, Geschichten erzählt. Ich bin aus meiner Box in andere gestiegen, weil ich wissen wollte, wie es ist, nicht ich zu sein – und um die Welt aus anderen Perspektiven zu sehen.

Und bis heute glaube ich: Neugier ist keine kindliche Eigenschaft, die man mit dem Ernst des Lebens (wie oft hat der eigentlich schon begonnen?) verliert. Neugier ist ein Muskel. Man kann ihn trainieren. Man kann ihn teilen. Man kann ihn sichtbar machen. Und andere damit inspirieren.

Die Box ist nicht das Problem

Vielleicht ist die Box gar nicht das Problem. Vielleicht ist das Problem nur die Vorstellung, dass es eine Box für alle geben muss.

Was, wenn Boxen durchlässig sein dürfen? Mit Zwischenräumen. Mit Möglichkeitsfenstern. Mit beweglichen Wänden. Was, wenn wir in mehreren Boxen gleichzeitig leben können? Oder uns abends eine Box aus Decken bauen, die nach Geborgenheit riecht?

Was mich trägt, ist nicht ein System.

Es sind Menschen. Beziehungen. Fragen.

Und das Vertrauen, dass Lernen überall stattfindet – mitten im Leben.

Jetzt hast du Lust die Perspektive zu wechseln? Super!

Vielleicht ist es Zeit, unseren Umgang mit Boxen zu überdenken. Nicht im grossen Stil. Sondern ganz konkret. Im Alltag. Im Miteinander. In uns selbst.

Zum Beispiel so:

Weg von ... Hin zu ...
...Boxen als Schubladen, in die ich passen muss ...Boxen als Denkmodelle, die ich hinterfragen darf
...Rollen, die mir zugeschrieben werden ...Identität, die ich mir selbst gestalte
...„So macht man das halt“ ...„Was wäre, wenn…?“
...Ausbrechen als Ausnahme ...Verändern als Alltag
...Wissen anhäufen ...Lernen im Tun
...Sicherheit durch Anpassung ...Sicherheit durch Verbindung
...Boxen als Schutzräume ...Gemeinschaften als Möglichkeitsräume
...Lernen für Noten ...Lernen fürs Leben
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